Ein ziemlich verrückter Vogelkäfig: Maserati Tipo 60/61 "Birdcage"

André Kämpf

Maserati Tipo 61 Birdcage
Wie ein in geduckter Haltung zum Sprung bereites Tier

Es gibt in der Geschichte des Motorsports sicher eine Menge deutlich erfolgreichere Fahrzeuge. Es gibt sicher auch nicht wenige, die ihn an Rasse und Eleganz überstrahlen. Und trotzdem kann sich kaum jemand der eigenartigen Faszination entziehen, die der Maserati Tipo 60/61 "Birdcage" auf alle die ausübt, die für seine Formensprache offen sind. Diese Faszination ist zum einen rein sinnlicher Natur, ergibt sich aber auch aus seiner technischen Finesse und seiner Vita als ein aus der Not heraus geborenes Kind.

 

Über Ästhetik oder ästhetisches Empfinden lässt sich sicher trefflich streiten. Dem Designer des Maserati Tipo 60/61 ist selbiges aber schwerlich abzusprechen, denn er hat verstanden, worum es bei gut gemachtem Autobildesign geht (und wir reden hier sicher nicht vom aktuellen Car-Design): Nicht zuletzt erotische Urinstinkte sollen aus der Reserve gelockt werden. Ähnlich wie beim weiblichen Geschlecht verfehlt auch beim Automobil ein Design-Prinzip nie seine Wirkung beim (zumeist männlichen) Betrachter: Rundungen in wohlabgewogenen Proportionen müssen her! Und davon hat der Tipo 60/61, im Volksmund "Birdcage" genannt, nach der unbescheidenen Meinung des Verfassers einige zu bieten.

Maserati Tipo  61 Birdcage
Eine sanft geschwungene Hügellandschaft tut sich dem auf, der dem legendären Maserati Birdcage zum ersten Mal begegnet

Gerade aus seitlicher Betrachtung springt der ausgeprägte Hüftschwung der Heckpartie dem Betrachter förmlich ins Auge, ehe sie in einem scharf abreissenden Kamm-Heck mündet. Im Konzert mit den ausgesprochen stark konturierten Vorder-Kotflügeln ("Kothügeln" ist man fast geneigt, sie zu nennen) ergibt sich so in der Gesamtschau ein perfektes harmonisches Gleichgewicht. Im "Tal" zwischen der Berg-Landschaft von Voder- und Hinterwagen muss sich der Fahrer irgendwie geborgen gefühlt haben. Aus frontaler Betrachtung oder aus der (beneidenswerten) Sicht des Fahrers ergibt sich der besondere optische Reiz aus dem starken Kontrast zwischen besagten Kotflügel-Hügeln und der ultraflachen Motorhaube, die nur durch ein um 45 Grad geneigtes Triebwerk zu realisieren war.  

 

Dies ist keine Karosserie, dies ist eine Skulptur!


Doch damit nicht genug der optischen Skurilitäten: Neben der äußeren Hülle, die schon verrückt genug ist und neben dem sinnlichen Empfinden natürlich auch dem damaligen Verständnis von Aerodynamik gerecht werden sollte, verbirgt sich das eigentlich Sensationelle unter dem eng geschneiderten Aluminiumkleid: ein hochgradig komplexes und filigranes Geflecht aus mehr als 200 dünnen Rohrstückchen, die, im Dreiecks- und Querverbund miteinander verchweißt, zu einem hochfesten und steifen Gitterrohrrahmen mit dem sensationellen und nahezu unglaublichen Gewicht von lediglich 30 kg komponiert wurden. Eine Konstruktion, die in Italien den Kosenamen "Maserati-Spaghetti" nach sich zog und weltweit Pate stand für die originelle und sicher liebevoll gemeinte Umschreibung "Birdcage" (Vogelkäfig).

 

Während man bei anderen Fahrzeugen den Gitterrohrrahmen meist nur rudimentär wahrnimmt, wollten die Maserati-Macher ganz bewußt die Schönheit ihres Kunstwerkes nicht vor den Augen des Rennsport-Fans verbergen - selbst der Fahrer wird beim Blick nach vorn immer wieder daran erinnert, auf welches zarte Gebilde er sich selbst bei härtester Gangart blind verlassen muss.

 

Eine Skulptur in der Skulptur!


Klingt verrückt: Kein Birdcage ohne Allende

Wir schreiben das Jahr 1957. Maserati sonnt sich im Glanze des soeben überragend eingefahrenen Formel-1-WM-Titels. Der legendäre Maserati 250 F hatte im noch legendäreren Juan Manuel Fangio seinen Meister gefunden. Keiner konnte diesem Gespann 1957 auch nur annähernd Paroli bieten, vier von acht Rennen entscheidet der Maestro für sich und setzt damit seiner Erfolgsserie mit dem fünften Titelgewinn die Krone auf. Nachdem die Siegestrunkenheit allmählich verflogen war, wird jedoch schnell klar, dass man sich nicht mehr länger den bitteren Realitäten verschliessen kann: Maserati war im Gefolge eines Großdeals mit Argentinien an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geraten. Die Zahlung von Rechnungen in erheblichem Umfange für Maschinenlieferungen des Mutterkonzerns Orsi in das nach dem Sturz von Diktator Peron krisengeschüttelte Land war schlichtweg ausgeblieben.

Es geht ums blanke Überleben. An Rennsportaktivitäten im Jahre 1958 ist unter diesen Umständen schon gar nicht zu denken. Wenn die italienische Regierung in dieser fast hoffnungslosen Lage nicht Ihre schützenden Hände über das Unternehmen der Orsi-Familie gehalten hätte, wäre Maseratis glänzende Zukunft im Sportwagenbau, die uns so klangvolle Namen wie Khamsin, Ghibli, Merak, Bora, Mistral oder Quattroporte bescheren sollte, bereits damals im Keime erstickt worden. Der ausgezeichnet laufende Verkauf des ebenfalls 1957 präsentierten 3500 GT tut in dieser Situation sein Übriges, die finale Katastrophe von Maserati abzuwenden.

 

Es gibt aber Köpfe im Unternehmen, bei denen das Rennsport-Virus so tief verwurzelt ist, dass sie diese prekäre Situation nicht einfach so hinnehmen wollen. Treibende Kraft unter Ihnen ist der noch junge Chefingenieur Giulio Alfieri. Er hat eine Vision: Es müsste doch möglich sein, unter Nutzung des vorhanden 4-Zylinder-Aggregats aus dem 200 S einen kleinen, aber feinen, Rennsportwagen zu konstruieren, den man zahlungskräftigen Privatfahrern zum Kauf anbieten würde. Alfieri hatte sich seine Inspiration hierfür bei dem für seine Leichtbau-Manie bekannten Colin Chapman und ganz speziell dessen Lotus 11 geholt.

Eine schöne Bilderserie mit ein paar Impressionen des Tipo 61


Firmenleiter Omar Orsi läßt sich bereitwillig von Alfieries Vision gefangennehmen. So würde die Aussicht bestehen, den Faden zur glänzenden motorsportlichen Vergangenheit des Unternehmens wieder aufzunehmen, ohne sich selbst finanziell engagieren zu müssen. Das Startsignal ist schnell gegeben, das Fahrzeug nimmt in oben beschriebener Form in kurzer Zeit Gestalt an. Der 2,0 l Vierzylinder liefert üppige 200 PS an die eher archaische querblattgefederte Hinterachse. Gewichtsvorteile geben den Auschlag gegenüber einer schraubengefederten Ausführung. Der Erfolg beim Premieren-Auftritt gibt Alfieris pragmatischer Lösung Recht: Stirling Moss kann beim Debut-Einsatz einen ungefährdeten Sieg für die Marke mit dem Dreizack einfahren.

Hubraum und grenzenloser Idealismus: Wie sich der Birdcage in den USA etabliert

Leider erkennt man zu spät, dass man bei der strategischen Fokussierung auf den Privatfahrer-Markt zu wenig das eigentlich Mekka der Privatfahrer im Visier hatte: die USA! Zwar gibt es viel begeistertes Feedback von den amerikanischen Rennstrecken. Fahreigenschaften und Handling können viele Interessenten überzeugen, nur hat man die Rechnung offenbar ohne das amerikanische Rennklassen-System gemacht, denn was mag der Amerikaner: Hubraum und nochmals Hubraum! Die Musik spielt im amerikanischen Rennzirkus in den Klassen bis und über 3 l Hubraum - da hatte der zierliche 2 l des Tipo 60 von vornherein einen schlechten Stand. Was bleibt in dieser Situation angesichts eines praktisch nicht vorhandenen Budgets: gewagtes Aufbohren bis an die Grenze des physikalisch gerade noch Vertretbaren plus zusätzlicher Hub. Dieses Kitzeln an der Standfestigkeits-Grenze bringt den nun Tipo 61 getauften Birdcage auf einen stattlichen Hubraum von 2,9 l mit entsprechender Mehrleistung bei reduzierter Höchstdrehzahl, aber bulligerem Drehmomentverlauf. 250 PS bei 600kg Gewicht und daraus resultierende, beeindruckende 285 km/h stehen dem geneigten Fahrer ab nun als Spielwiese zur Verfügung - eine durchaus vielversprechende Papierform!

In diesem Video gibt es ein paar Einblicke ins Camoradi Team der Saison 1960. Man beteiligte sich mit Corvettes und Birdcages an den Wettkämpfen. Wer viel Muße hat, für den hält youtube auch noch Teil 2 und 3 bereit ...

Aber auch hier ist die Geschichte noch nicht zu Ende und das Schicksal muss ein weiteres Mal zur Hilfe eilen. Nicht zuletzt aufgrund der technischen Fragilität des Triebwerkes, wie kaum anders zu erwarten, lässt sich das USA-Engagement dann doch beschwerlicher an, als man in der ersten Euphorie erwartet hatte. Ausfälle durch Kollissionen komplettieren die Negativbilanz. Wie in Modena in der Person Alfieris gibt es auch in den USA einen Virus-Infizierten, der Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um seine persönliche Vision wahr werden zu lassen. Ein gewisser Lloyd Cassner, ein junger US-Amerikaner, der selbstkritisch genug war, seine eigenen rennfahrerischen Ambitionen schnell wieder an den Nagel zu hängen, träumt dafür stattdessen fortan von einer Zukunft als Teamchef einer erfolgreichen Rennmannschaft. Auch er ist dem speziellen Reiz des Tipo 61 schnell erlegen und findet in ihm eine perfekte Projektionsfläche für seinen Traum. Von hier aus ist es dann nur noch ein kurzer Weg zur Gründung der Cassner Motor Racing Division, geläufiger unter dem exotisch klingenden Kürzel "Camoradi". Auch die Camoradi-Story ist ein weiteres Beispiel für erfinderisch machende Not: selbst über keine finanziellen Mittel verfügend, gründet Cassner zunächst einen, natürlich zahlungspflichtigen, Camoradi-Fanclub und kann im weiteren Goodyear und Dow Chemical von der Werbewirksamkeit der prophezeiten Camoradi-Rennerfolge überzeugen. Die so generierten 50.000,- USD, man glaubt es aus heutiger Sicht kaum, reichen tatsächlich aus, ein kleines Team, bestehend aus zwei Fahrzeugen und zwei Fahrern, für eine komplette Saison zu finanzieren.


Maserati profiert dabei durch die Hintertür. Ohne selbst eine Lira in die Hand nehmen zu müssen, kann man weiterhin die Maserati-Flagge im Rennsport hochhalten. Da ist man natürlich allzu gerne bereit, die persönliche Betreuung der Rennwagen bei den großen Rennen durch Giulio Alfieri in Aussicht zu stellen. Leider muss man dann aber doch nach Abschluss der ersten amerikanischen Saison konstatieren, dass der Birdcage, trotz einiger Achtungserfolge, im Großen und Ganzen hinter den in ihn gesetzten Erwartungen zurückgeblieben war, was schließlich zur Beendigung der Sponsoren-Engagements führt.

Zurück in Europa: Erst ein Loch im Tank und dann doch noch strahlender Sieger!

Aber ganz ohne Happy-End wollen wir die Geschichte des wundersamen "Vogelkäfigs" nicht zu Ende gehen lassen. Die ins Werk nach Modena zur Überarbeitung einiger Schwachstellen zurückgekehrten US-Fahrzeuge treten nun doch noch zu einem furiosen Endspurt auf europäischen Racetracks an.

 

Einen vehement nach vorne preschenden und deutlich in Führung liegenden Nino Vaccarella kann bei der 1960er Auflage der Targa Florio nur ein Leck im Benzintank aufhalten. Die bis heute unvergessene große Stunde des Tipo 61 schlägt dann 1960 bei den 1000 km am Nürburgring, einem Lauf der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Mit unbändigem Kampfgeist und souveränem fahrerischen Können gelingt es dem Camoradi Racing Team und seinem Fahrer-Duo Stirling Moss/Dan Guerney trotz technischer Probleme die Konkurrenz deutlich in die Schranken zu weisen, ein Erfolg, der im Folgejahr beim gleichen Rennen, diesmal pilotiert von Lloyd Cassner selbst und Masten Gregory, eindrucksvoll wiederholt werden kann. Einige (kleine) Wermutstropfen gibt es dann aber zum Schluss doch noch zu beklagen: so beispielsweise der Ausfall der speziellen Lang-Version bei den 24 Stunden von Le Mans 1960. Am Ende schließlich, nach immerhin 22 verkauften Exemplaren, können die Maserati-Mannen ihre Augen dann aber doch nicht vor der Erkenntnis verschließen, dass das Frontmotor-Konzept wohl deutlich seinen Zenit überschritten hat. Die Mittelmotor-Rennsportwagen von Porsche, Lotus und Cooper machen zu Beginn der "Swinging Sixties" vor, wie das erfolgversprechende Antriebskonzept der Zukunft auszusehen hatte. Der Weg ist somit vorgezeichnet für die Entwicklung des Tipo 63, der die grundsätzlichen Birdcage-Erfolgsfaktoren beibehält, dabei aber nun auf den Mittelmotor setzt. Aber das ist wieder eine andere Geschichte ...

 

Wie mag sich Sterling Moss gefühlt haben bei seinem Husarenritt 1960 am Nürburgring beim Blick über die Karosserie-Landschaft, die sich vor ihm auftat?

 

Sicher wird er eine gehörige Portion Fahrspaß empfunden haben. Die Verbindung zahlreicher konstruktiver Kniffe ergibt beim Maserati Tipo 60/61 "Birdcage" ein sensationelles Handling. Der kurze Radstand, die leichtgängige und sehr exakte Lenkung, das ebenso exakt zu schaltende Getriebe und die entschlossen zupackende 4-Scheiben-Bremsanlage - all dies gepaart mit einem Gewicht von nur 600 kg bei einer Motorleistung von 250 PS sorgte nicht nur für Begeisterung bei den Privatfahrern.

 

Auch Stirling Moss wird diese wunderbar komponierte Melange genossen haben, da sind wir ganz sicher!

Ein Hauch von Sterling-Moss-Feeling bei einer aktuellen Inboard-Fahrt 


Quellen:

"Italienische Autolegenden" | Michael Zumbrunn | Bassermann Verlag

"Maserati" | Jürgen Lewandowski | Motorbuch Verlag

"Motor Klassik" | Heft 1/1987

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Katharine Jeanbaptiste (Mittwoch, 01 Februar 2017 17:20)


    What's up, its good post about media print, we all understand media is a great source of facts.

  • #2

    Theola Bower (Freitag, 03 Februar 2017 12:32)


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